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Frage geschrieben am 12.06.2014 14:22:25

Betreff: Steuerliche Veranlagung DE-FRA Einkünfte aus freiberuflicher Tätigkeit (Anwältin)


Rechtsgebiet: Steuerpflicht
Einsatz: € 100.00
Status: Beantwortet
Guten Tag,

folgender Sachverhalt stellt sich mir:

Ich bin seit August 2013 zugelassene Rechtsanwältin in BW mit eigener Kanzlei. Für meine (geringen) Einkünfte seitdem mache ich von der Kleinunternehmerregelung Gebrauch und werde auch im Kalenderjahr 2014 für meine Einkünfte in DEUTSCHLAND darunterfallen (betrachtet man ausschließlich nur diese).

Ich trete nun bald eine Stelle als COLLABORATRICE in einer deutsch-französischen Kanzlei in FRANKREICH an. Ich ziehe deswegen in wenigen Tagen nach Frankreich und werde meinen Wohnsitz in Deutschland komplett aufgeben. Die collaboration ist in FRA typisch, es gibt dort nur sehr wenige angestellte Anwälte, man muss Steuern und Abgaben selbst abführen. Arbeitsbeginn ist flexibel, in meinem Vertrag steht "frühestens ab 1. Juni", intern haben wir den 1. Juli vereinbart. Folgende Fragen habe ich hierzu:

1. Werde ich für das Kalenderjahr 2014 steuerlich in Deutschland oder in Frankreich veranlagt? Da mein Arbeitsbeginn flexibel ist, möchte ich diesen gerne so legen, dass ich in dem für mich steuerlich günstigeren Land der Steuerpflicht unterliege. Ich kann noch im Juni anfangen, oder auch erst am 10. Juli, je nachdem, was besser ist.

2. Welcher Tag ist hierfür ausschlaggebend? Mein 1. (tatsächlicher) Arbeitstag, der Tag, ab dem ich eine Wohnung in Frankreich beziehe, das "frühestens"-Datum in meinem Arbeitsvertrag, ...?

3. Wo zahle ich insgesamt (Einkommenssteuer + Sozialversicherung etc.) weniger Abgaben und Steuern, in DE oder FRA, als Freiberuflerin, unverheiratet, keine Kinder?

4. Ich habe gelesen (DBA DE-FRA), dass Einkünfte aus freiberuflicher Tätigkeit grds. dort versteuert werden, wo die Einkünfte erzielt worden sind. Bedeutet dies, dass meine bisherigen Einkünfte aus 2014 in Deutschland und meine zukünftigen Einkünfte für die restlichen Monate in 2014 in Frankreich zu versteuern sind? Wird dies also geteilt? Gilt damit für mich nicht die 183 Tage-Regel?

5. Werden meine Einkünfte über das ganze Jahr zusammengerechnet, so dass ich für meine bisherigen Einkünfte in Deutschland nicht mehr von der Kleinunternehmerregelung profitiere und nachträglich Gewerbesteuer entrichten muss? Oder werden die Einkünfte einzeln ohne Bezug zueinander veranlagt?

6. Muss ich für 2014 zwei Steuererklärungen erstellen, in DE und FRA? Wenn ja, jeweils nur für die Einkünfte aus dem jeweiligen Land oder in beiden alle Einkünfte oder nur in einem Land alle Einkünfte?

7. Können die Rechnungen, die ich für Einkünfte in Deutschland erstelle, noch im Monat Juli ausgestellt werden oder ist das steuerlich nachteilig und sie sollten alle VOR Arbeitsbeginn in FRA ausgestellt werden als klarer Schnitt?

8. Falls das eine Rolle spielt: Ich hielt mich seit meiner Anwaltszulassung (August 2013) größtenteils in den USA für ein LLM-Studium auf (deswegen auch kaum Einkünfte), blieb aber weiterhin in Deutschland gemeldet. Ich bin erst seit Ende Mai 2014 wieder zurück. Dies könnte ich belegen durch USA-Mietvertrag, Flugbuchungen und diverse Uni-Unterlagen, falls mir das steuerlich irgendwie ein Vorteil sein sollte. Ansonsten habe ich das bisher gegenüber Behörden komplett unerwähnt gelassen.

9. Falls notwendig/günstiger für mich, kann ich meinen Wohnsitz (bei meiner Mutter) in DE aufrecht erhalten.

Ich freue mich auf eine baldige Beantwortung meiner Fragen. Bitte machen Sie mich darauf aufmerksam, sollte ich einen wichtigen Gesichtspunkt vergessen/zu wenig erläutert haben. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen


Antwort geschrieben am 14.06.2014 01:06:07
Patrick Färber
Brunnenstr. 31, 79312 Emmendingen, Tel: 0, Fax: 0
Umsatzsteuer, Einkommenssteuer, Unternehmenssteuern, Steuerrecht, Steuerpflicht
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Sehr geehrte Fragestellerin,

auf Basis Ihrer ausführlichen Sachverhaltsstellung möchte ich Ihre Anfrage wie folgt beantworten und ergänze dabei den Sachverhalt mit folgender Annahme, um deren Bestätigung oder Korrektur ich bitte:

- Ihre anwaltliche Tätigkeit (Mandanten) in DE werden nach Ihrem Wechsel nach Frankreich nicht mehr bedient, d.h. Sie geben Ihre Kanzlei in DE quasi auf und beginnen in Frankreich als Collaboratrice eine neue Selbständigkeit mit neuen französischen Mandanten.
Der Status Collaboratrice ist wie eine selbständige freier Mitarbeiterin?

Frage 1) DE-FR

Sie werden in beiden Ländern veranlagt, soweit sie den Wechsel unterjährig vollziehen und nicht zum 31.12.2014.

Frage 2) Welcher Tag?

Die Veranlagung hängt grundsätzlich an der unbeschränkten Steuerpflicht in den beiden Ländern, in DE der Wohnsitz oder gewöhnliche Aufenthalt, in FR der domicile fiscal.

a) Daher sind Sie in DE noch unbeschränkt steuerpflichtig, bis Sie Ihre Wohnung hier tatsächlich aufgegeben haben durch Übergabe des Schlüssels.
An dieser Stelle im Vorgriff Frage 8):
Hier käme es nicht so sehr darauf an, ob Sie in den USA einen Mietvertrag vorweisen können, sondern ob Sie eine Wohnung in DE aufrechterhalten haben ("Schlüssel zu einer Wohnung", jederzeitige Verfügungsmacht). Wenn nicht, dann wären Sie erst ab Mai 2014 unbeschränkt steuerpflichtig und vorher (nur) beschränkt steuerpflichtig mit Ihren (wohl geringen) anwaltlichen Einkünften. Diese besteuert auch nur DE, da sich Ihr "Büro" auch während des Studiums in DE befunden hat.

Wenn ich richtig annehme, dass Sie Ihre deutsche Kanzlei aufgeben, dann kommt hinzu, dass nach § 18 Abs. 3 Satz 2 i.V.m § 16 Abs. 3a EStG eine "Betriebsaufgabe" fingiert wird, wenn Sie Ihren Wohnsitz verlegen. Die Konsequenzen sind zu vernachlässigen:
Aufstellung einer AufgabeBILANZ sowie Versteuerung von stillen Reserven in Wirtschaftsgütern, die in Ihrem Fall aber gar nicht vorhanden sind.

b)
Mit der Wohnungsnahme in FR werden Sie dort unbeschränkt steuerpflichtig ab diesem Zeitpunkt. Sie haben dann Ihre "Kanzlei" in Frankreich und Ihren Wohnsitz in FR, so dass FR hier grundsätzlich besteuert und hierfür eine Steuererklärung abgegeben wird.

Frage 3) Belastungsvergleich
Es kann IHnen kein deutscher StB die Belastung in FR sagen und umgekehrt. Lassen Sie in jedem LAnd auf Basis von geschätzten Einnahmen/Ausgaben ein überschlägige Berechnung machen. Für die deutsche Seite kann ich das (ergänzend im Rahmen einer Beauftragung) machen.

Frage 4) DBA

a) Die 183-Tage-Regel spielt hier keine Rolle. Nach Art. 12 Abs. 1, aber vor allem nach Abs. 2 DBA gilt, dass nur das Land das ausschließliche Besteuerungsrecht hat, in dem die Tätigkeit in einer festen Einrichtung (hier noch alter DBA-Begriff ständige Einrichtung) ausgeübt wird, d.h. Ihr Büro. Wenn keien feste Einrichtung besteht, besteuert der Ansässgkeitsstaat. Die Tätigkeit in DE führten Sie von Ihrem "Büro" in DE aus durch (=DE besteuert), in Frankreich sind Sie in Ihrem "französischen Büro" tätig und werden wohl alle Umsätze nur dieser Einrichtung zuordnen können (=FR besteuert).

b) Progressionsvorbehalt
Nur im Jahr eines unterjährigen Wegzugs (2014) kommt jedoch der sog. Progressionsvorbehalt nach § 32b Abs. 1 Nr. 2 EStG zum Tragen. In der dt. StE erfassen Sie die in Frankreich erzielten EInkünfte (Gewinn aus collaboratrice, ermittelt nach deutschen Grundsätzen in Form einer EÜR). Diese werden jedoch nur für die Bestimmung des Steuersatzes herangezogen (Zeile 96-98 Mantelbogen ESt)

Meines Wissens gibt es die gleiche Regelung in Frankreich auch, so dass dort für den Steuersatz die in DE erzielten Einkünfte berücksichtigt werden, bitte frz. StB fragen.

Frage 5)
siehe auch schon Frage 4. Aber das Sie nach meiner Annahme Ihre Kanzlei aufgeben, sind Sie kein inländischer Unternehmer iSd USt. Die französischen Umsätze werden hier nicht dazugerechnet. Gewerbesteuer fällt beim Freiberufler nicht an.

Frage 6)
siehe schon Frage 4b).
Bezogen auf das Jahr 2014: Sie geben in 2 LÄndern 2 Steuererklärungen ab und erfassen die inländischen Einkünfte jeweils für die volle Besteuerung und die jeweils ausländischen EK für den Progressionsvorbehalt. Ab 2015 dann nur in FR, da in DE keine Wohnsitz, kein Büro, keine EK.

Frage 7)
Wie Sie richtig sagen, für einen Schnitt würde ich die Rechnung noch vor Arbeitsbeginn stellen, damit der gesamte Umsatz für DE auch leistungsdatumsmässig dokumentiert ist.

Frage 8)
siehe Frage 2a). Spielt nur eine Rolle für die Frage, ob in 2014 erst ab Mai bis Juli oder ab Januar bis Juli 2014 unbeschränkte Steuerpflicht bestand.

Frage 9)
Eine Notwendigkeit für einen Wohnsitz besteht nicht, ich würde immer versuchen, keine "Gemengelagen" entstehen zu lassen. Ob günstiger, kann ich nicht beurteilen, siehe Frage 3).

Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen nachvollziehbar und vollständig beantworten.
Fazit: Ich würde bei nicht nur kurzfristiger Planung für FR die Kanzlei in DE "aufgeben" (bzw. geschieht steuerlich durch Fiktion automatisch) und eine Besteuerung durch Wohnsitz und Tätigkeit in FR anstreben. Sollte ein Belastungsvergleich für DE sprechen, so müssten Sie eine feste Einrichtung in DE haben, mit der Sie die französischen Mandanten bedienen, ohne aber auch eine französische feste Einrichtung zu haben (die Sie aber ggf. hätten). Wenn Sie 2 solche Einrichtungen hätten, so ist für die Frage der Zuordnung der Umsätze faktisch eine gewisse "Freiheit" gegeben, birgt aber Konfliktpotential, da beide Länder natürlich der jeweils inländischen Einrichtung mehr Umsätze zurechnen wollten.

MfG Patrick Färber, StB

Patrick Färber
Steuerberater
post@richtig-gegensteuern.de